Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit, Leistungsdruck, dauernde Erreichbarkeit, schlechte Arbeitsatmosphäre. Viele Arbeitnehmer:innen haben Stress auf der Arbeit. Was das mit ihnen macht, was man dagegen tun kann und warum Bildungsurlaub auch ein Stein auf dem Weg zu einem besseren (Arbeits-)Leben ist – darüber haben wir mit Business-Trainer Julius Kneist gesprochen.

Lieber Julius, du biestest Trainings zum Thema "Stressmanagement" an - was versteht man unter dem Begriff?

Im Grunde kann Stressmanagement als große Sammlung von Methoden und Bewältigungsstrategien für den Umgang mit Stress angesehen werden. Ziel dabei ist es, jede:n Einzelne:n durch Stressmanagement zu befähigen, mit inneren und äußeren Belastungen gesundheitsförderlich umzugehen.

Ich könnte meinen Stress auch über den Konsum, vom Süßigkeiten oder Alkohol reduzieren, jedoch gehört das dann nicht mehr zu den gesundheitsförderlichen Bewältigungsstrategien. Stressmanagement soll bestenfalls immer mehrere Ansätze verfolgen. In machen Situationen helfen mir Achtsamkeit und Meditation, in anderen wiederum ist Kommunikation und Zeitmanagement besser angebracht. Es lohnt sich also sich dem Thema Stress über verschiedene Wege zu nähern.

Was ist der Eindruck aus deinen Trainings: Stehen Arbeitnehmer:innen sehr unter Druck?

Von Arbeitnehmer:innen wird verlangt, dass diese sich ständig an neue Situationen anpassen, mehr Leistung in kürzerer Zeit erbringen und diesen Anforderungen viele Jahre stand zu halten. Die Corona-Situation hat uns gezeigt, dass diese Anforderungen sich extrem schnell wandeln können – von 0 auf 100 ins Homeoffice. Der Eindruck aus meinen Trainings deckt sich mit den verschiedenen Studien der Krankenkassen. Stress nimmt bei Arbeitnehmer:innen immer mehr zu und gehört zu den Hauptursachen für Krankheitstag und Fehlzeiten.

Bildungsurlaub
Julius Kneist ist Business-Trainer mit dem Fokus auf Stressmanagement – er unterstützt Unternehmen darin ihre Ziele durch starke Teams zu ereichen

Wie wirkt sich Stress auf die Menschen aus?

Stress per se hat viel Potenzial sowohl in eine förderliche als auch eine schädliche Richtung. Es kann hier auch von Eustress und Distress gesprochen werden. In den richtigen Situation kann uns Stress beflügeln und zu Höchstleistungen bringen. Ein Reiz von außen (oder auch innen) veranlasst unseren Körper Energie bereitzustellen, um Leistung zu erbringen. Wir sind angespannt und wollen loslegen.

Können wir diese Energie nicht in die richtigen Bahnen lenken, staut sich diese auf. Durch die aufgestaute Anspannung oder Dauerbelastung ohne Pausen zur Regeneration wird Stress schädlich. Folgen davon können unter anderen eine geschwächte Immunkompetenz, gesundheitliches Risikoverhalten (Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung), Schlafstörungen, ein erhöhtes Herzinfarktrisiko, ein erhöhter Blutdruck, verminderte Lust und schlechtere Konzentrationsfähigkeit sein. Zudem führt chronischer Stress zu Burnout.

Wie macht sich der Stress dann in der Folge auch am Arbeitsplatz bzw. bei der Arbeitsleistung bemerkbar?

Im Arbeitskontext ist leider noch viel zu häufig negativer/schädlicher Stress (Distress) an der Tagesordnung. Die Folgen von Dauerbelastung, angestauter Anspannung oder nicht ausreichender Regenerationsphasen sind sehr vielfältig. Während sich die einen völlig zurückziehen, um als „Einzelkämpfer:in“ irgendwie durchzukommen, sind andere wiederum sehr gereizt und gehen direkt „an die Decke“.

Oft sind die Zeichen von Stress gar nicht so einfach erkennbar, da sich Verhaltens- und Denkweisen unbemerkt einschleichen (erhöhter Koffeinkonsum, anfangen mit Rauchen, Gereiztheit, Energielosigkeit u.v.m.). Die Kommunikation im Team funktioniert nicht mehr, die Motivation schwindet schleichend und im schlimmsten Fall (welchen ich selbst durchlebt habe) kündigen Mitarbeiter:innen innerlich, wodurch die Produktivität enorm sinkt.

Auch viele Bildungsurlaube widmen sich dem Thema Stressmanagement - was haben Arbeitgeber:innen davon?

Aus dem Alltag herauszukommen und in einem wundervollen Setting den Fokus auf das Thema Stressmanagement zu legen, kann unheimlich viel bewirken. Denn wie nach einem Urlaub üblich, zeigen wir unseren Freunden, unserer Familie und den Kolleg:innen unsere Souvenirs. In diesem Fall handelt es nur nicht um Muscheln oder Postkarten, sondern um Methoden und Tools zum förderlichen Umgang mit Stress.

Diese werden also auch zu einem gewissen Teil automatisch auf Arbeit verbreitet. Und wenn Arbeitgeber:innen das gezielt unterstützen, kann ein super Transfer geschehen, von dem das gesamte Team profitieren kann. Neue Kommunikationsweisen werden ausprobiert, Denkweise in belastenden Situation verändern sich und das Verhalten untereinander (mehr Wertschätzung) beflügelt alle gemeinsam. Wirklich entscheidend ist hier der Transfer und der Raum für die Mitbringsel aus dem Bildungsurlaub.

Ist Stressmanagement aktive Burnout Prävention?

Ja, auf jeden Fall. Stressmanagement hat immer das Ziel einen gesundheitsförderlichen Umgang mit Belastungen zu erreichen. Besitzen die Mitarbeiter:innen diese Kompetenz, verringert sich das Risiko an Burnout zu erkranken enorm.

(Negativer) Stress wird nie verschwinden. Umso wichtiger ist es in diesem Bereich auch regelmäßig Trainings/Seminare in Unternehmen durchzuführen. Nach meiner Ansicht sollten Stressmanagement-Trainings genauso häufig, wie Produkt- oder IT-Schulungen stattfinden, wenn nicht sogar häufiger. Denn was nützt es die Produkte oder Programme zu kennen, wenn ich durch Belastung nicht motiviert oder produktiv sein kann oder sogar ausfalle.

Und zum Schluss: Hast du noch einen Tipp, den du in deinen Trainings gerne für eine akute Stresssituation zur Hand gibst?

Da Stress so vielfältig ist, gibt es auch unzählige Tipps, die für verschiedene Situationen funktionieren könnten. Doch mein persönlicher Favorit, der mir selbst auch immer wieder hilft, ist „loslassen“. Dahinter steckt für mich auch eine schöne Geschichte, die ich auf meiner Website erkläre.

Kurzgesagt: Egal wie schwierig eine Situation erscheint, wenn ich mich daran verbeiße und mit „ich muss das schaffen“ ohne Pause weiter mache, blockiere ich mich selbst und bin nur noch mehr gestresst. Schaffe ich es jedoch „loszulassen“, die Situation wenigstens kurz zu verlassen, durchzuatmen und mich neu zu sortieren, komme ich oft schneller voran und kann somit auch die gefühlte Belastung reduzieren.

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